Innenstadt – Erster Preis

Atelier Loidl Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, Berlin

Wasser erlebbar gestalten
Unter dem Motto ‚wissenwasserwandel‘ rückt die Stadt Meschede ihre flussnahen Freiräume an Ruhr und Henne wieder in den Mittelpunkt der gesamtstädtischen Entwicklung. Wir wollen den Kontakt zu den Stadtgewässern möglichst direkt und für alle Sinne herstellen – ein identitätsstiftendes Erlebnis, das entdeckt, gespürt und erfahren werden will. Die Freiräume an den Ufern und die Gewässer selbst bilden hierbei eine unmittelbare Einheit und treten über unterschiedliche ‚Schnittstellen‘ in einen abwechslungsreichen direkten Dialog.

Orientierung vermitteln
Das städtebauliche Ziel des Entwurfs ist die Öffnung der Stadt zum Wasser. Die historischen Strukturen und Grenzen zwischen Stadt und Landschaftsraum sind zu klären, sichtbar zu machen und neu zu interpretieren. Ursprüngliche Blickbeziehungen zwischen Stadt und Gewässer sind durch den Entwurf herauszuarbeiten. Der neue Henne-Boulevard verbindet gemeinsam mit der Fussgängerzone die wichtigen Stadtplätze Kaiser-Otto-Platz, Zeughausplatz (südlicher Henne-Boulevard), Winziger-Platz mit den Freiräumen an der Ruhr und dem Bahnhof/ Ruhrplatz im Norden. Wir wollen die ‚knappen‘ Stadtflächen großzügig und klar gestalten und mit deutlichen Raumgliederungen sowie einheitlichen Materialien stärken. Eine durchgängige Ruhr-Promenade, als einheitliches Band am Südufer, lässt zudem die landschaftliche Situation des Uferraums wieder als Ganzes ‚lesbar‘ werden.

Urbanität stiften
Ein klare, repräsentative, maßstabsgerechte und merkfähige Gestaltung der flussnahen Stadträume wertet die Innenstadt als Wohn- und Einzelhandelsstandort auf und stärkt die zukünftige Vermarktung entwicklungsfähiger Bestandsstrukturen. Sie wird zum Impulsgeber auch für private Investitionsmaßnahmen. Die neuen Ufersituationen an den Flüssen sollen zu jeder Jahreszeit lebendige Stadt sein. Alles muss möglich und spürbar sein: Lustwandeln, Spielen, Sport, Feiern, Musik und Schauspiel, Begegnung und Bildung im Freien, Ruhe und Natur. Mit den neuen Freiräumen an Ruhr und Henne im Zusammenwirken mit einer behutsam weitergebauten Stadt entwickelt Meschede das unverwechselbare Image einer jungen Hochschulstadt mit Urbanität, Kreativität, Selbstbewusstsein, Wissen und wirtschaftlicher Entwicklung. Meschede wird mit seinen Aufenthaltsqualitäten am Wasser und den weitergeführten Rad- und Fusswegeverbindungen zum zentralen Baustein des überregionalen Tourismus an der Ruhr.

Entwurf
Neues Herzstück der Innenstadt ist der Henne-Boulevard, der den freigelegten Fluss in seine Mitte nimmt. Es ensteht ein attraktiver, durchgängiger Stadtraum am Wasser mit hohen Aufenthaltsqualitäten, der die Ruhr-Promenade im Norden mit der südlichen Innenstadt verbindet. An seinen Enden öffnet sich der Boulevard jeweils zu kleineren Platzsituationen, wo erste Blicke auf das Wasser möglich sind, wo die Bewegungen aus der Stadt zum Boulevard geleitet werden. Im zentralen Bereich schliesst sich der Winziger Platz in sinnfälliger Weise über die Henne. Der bestehende städtische Transitraum von der Ruhrstrasse über die von-Stephan-Strasse zur Stadthalle hin bleibt erhalten. Der Henne-Boulevard und seine durchgehende Materialität separieren hierbei den östlichen Platz an der Stadthalle vom westlichen Platz an der von-Stephan-Strasse.

Die atmospärischen, bestehenden Bruchsteinmauern der Henne bestimmen das ‚neue alte‘ Bild des Gewässers. Der durchgehenden ca. 4 Meter hohen Mauer auf der Westseite setzen wir eine terrassierte Gestaltung im Osten gegenüber. Der Flussraum erweitert sich in seinem Querschnitt. Die östliche untere Ebene wird als filigraner, 2 Meter breiter Betonsteg ausformuliert, der leicht erhaben, die Möglichkeit des direkten Kontaktes mit dem Wasser bietet. Vorzugsweise sollte hier auf ein Geländer verzichtet werden. Bänke ermöglichen das kurze Gespräch und die Rast mit Blick auf den Fluss. Der Steg wird im Norden und Süden über kleinere Treppen erreicht, wohingegen am Winziger Platz eine grosszügige Freitreppe zum Wasser führt – in zentraler Lage ein neuer atmosphärischer städtischer Ort des Treffens, des Sehens und Gesehenwerdens. Die obere Stadtebene der Westseite eignet sich in hervorragender Weise zudem für Aussengastronomien mit Blicken auf das Wasser und die Flaneure. Die Stahlgeländer auf den Bruchsteinmauern erfordern neben den Sicherheitsaspekten vorallem eine filligrane und transparente Gestaltung.

Wir schlagen für den neuen Henne-Boulevard eine einheitliche Belagsgestaltung aus länglichen Betonplatten mit Natursteinvorsatz in warmen, changierenden Tönen vor. Das Fugenbild legt sich angenehm zur Hauptlaufrichtung und nimmt den Fluss in seine Mitte. Über das Fugenbild lassen sich zudem unterschiedliche Verkehrsarten leicht separieren, ohne einen Materialwechsel vorzunehmen. Die Plattenstärken sind so dimensioniert, dass die Anforderungen für die Befahrbarkeit der Flächen (Anlieger, Kurzparker, Stadtbus) erfüllt sind. Die Möglichkeit des Kurzparkens und die Anbindung an den ÖPNV belebt die Geschäftsstruktur des Quartiers. Eine flussbegleitende Baumreihe aus Schnurbäumen (Sophora japonica), sowie Sitzmöglichkeiten im lichten Schatten der Bäume, unterstreichen die Linearität des Gesamtraumes Der nördliche Platz des Henne-Boulevards erweitert sich nach Westen mit einem Rasenparterre und führt zur Ruhrbrücke und zur Ruhrstrasse. Die Lösung lässt eine spätere neue Bebauung am Standort des Finanzamtes als Option offen.

Die konzeptionellen Verkehrsplanungen zur Ruhr-Promenade, zur Anbindung des Bahnhofes und des Mühlenweges an den Henne-Boulevard, wurden in den Entwurf integriert. Aus westlicher und östlicher Richtung führen Einbahnfahrspuren am Südufer der Ruhr bis zur Hennemündung, wo der Verkehr auf der Westseite des Boulevards nach Süden abfliessen kann. Grosszügige Gehsteigbereiche begleiten die Fahrgasse der Promenade. Die beidseitigen Flanierzonen werden von Baumreihen aus lichten Eichen (Quercus palustris) überstanden, so das die Promenade in ihrer Gesamtheit einen Alleecharakter erhält. Der Bereich der Hennemündung bleibt als stadtbauliche Sichtachse freigestellt. Die Möglichkeit des Längsparken an der Flusseite unter Bäumen und grosszügige Fussgängerübergangsbereiche lassen die Ruhr-Promenade zu einem lebendigen ‚grünen‘ Strassenraum werden, in dem der motorisierte Verkehr eindeutig zurücktritt. Die Ruhr-Promenade wird als materialeinheitliches Wegeband entlang des Südufers geführt. Die Gehwegbereiche für Fussgänger, aus kleinteiligem lauffreundlichen Pflaster, orientieren sich zum Fluss, bzw. zu den Gebäudekanten der südlichen Stadt. Zur Fahrbahn hin, jedoch höhengleich der Fussgänger, erfüllt eine heller Asphalt die Funktion der Fahrradstrecke. Durch eine wasser- und luftdurchlässige Bauweise werden die Baumpflanzungen und ihre Baumscheiben erheblich gestärkt. Die Promenade erhält ihren nördlichen Abschluss zur Ruhr hin durch eine 80 Zentimeter hohe Brüstungsmauer im Bruchsteinmaterial der Ruhrbrücke. Die landschaftliche Parkaue am Fluss bleibt so jederzeit einsehbar. Bequeme Sitzmöglichkeiten mit Holzauflagen entlang der Promenade laden zum entspannenden Aufenthalt ein. Ein schmaler flussbegleitender Pfad erschliesst das extensive Flussufer, individuell können Orte am Wasser entdeckt werden. In einer einladenden Geste am Wasser weitet sich die Promenade vor der Ruhrbrücke auf. Ein ‚kleiner‘ Platz mit Bäumen, Sitzgelegenheiten, einem optionalen Wasserspiel und grosszügiger Sitzstufenanlage zur Parkaue, eröffnet einzigartige Blicke auf den Fluss und die alte Brücke. Ein Ort des Verweilens und doch der städtischen Lebendigkeit.

Das Lichtkonzept unterstützt die klare Gestaltung der neuen Uferräume an Ruhr und Henne. Die lineare Komposition des Henne-Boulevards bleibt über Lichtbänder in den begleitenden Mauern bis in den Abend hinein ablesbar. Die Hauptwegebeziehung der Ruhr-Promenade und einzelne Platzsituationen werden mit eleganten Mastleuchten stimmungsvoll inszeniert. Im Zusammenhang mit möglichen Aussengastronomien bilden die beleuchteten Uferräume lebendige Orte des Aufenthalts auch bis in die Abendstunden hinein.

Resümee
Die klar ablesbare und grosszügige Raumkompositionen des Henne-Boulevards und der Ruhr-Promenade verstehen sich in ihrer Offenheit als Kontrast zur innerstädtischen Dichte und schaffen mit der Prägnanz eines ‚gestalteten‘ Freiraums ein eigenständiges Gegenüber zur umgebenden Stadt. Die Sichtbeziehungen zwischen den wichtigen, stadtbildprägenden Gebäuden und den neuen Freiräumen werden durch klare Gliederungen gestärkt bzw. durch ‚Freiräumen‘ erst ermöglicht. Die beschriebenen Qualitäten verbinden die vielseitigen Ansprüche der Bewohner auf städtisches Leben und ‚grüner‘ Erholung im direkten Kontakt mit dem Element Wasser. Wir hoffen die neuen Stadträume werden so zum Impulsgeber für die weitere Entwicklung der Innenstadt, die Ruhr und die Henne selbst lebendige und abwechslungsreiche Attraktionen in Meschede.